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Ein Gedicht auf die Finanzkrise

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Dienstag, 19. Januar 2010

Viel treffender kann man die aktuelle weltwirtschaftliche und finanzpolitische Lage in einem Gedicht wohl kaum beschreiben:

Höhere Finanzmathematik

Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos!

Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.

Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.

Trifft’s hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken -
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!

Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.

Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.

Für die Zechen dieser Frechen
hat der Kleine Mann zu blechen
und – das ist das Feine ja -
nicht nur in Amerika!

Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen -
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.

Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.

Fälschlicherweise wird dieses Gedicht vielerorts Kurt Tucholsky zugeschrieben und soll 1930 in “Die Weltbühne” veröffentlicht worden sein. Allerdings ist es weder der Tucholsky-Gesellschaft bekannt, noch findet man es auf www.tucholsky.net, wo viele Werke des Journalisten und Poeten aufgelistet sind. Zudem gehörten Begriffe wie Derivate und Leerverkäufe nicht zum Wortschatz von 1930.

Wie es aussieht, wurde das Gedicht ursprünglich in der österreichischen Zeitschrift „Genius-Brief“ unter dem Pseudonym “Pannonicus” veröffentlicht und ist auch auf der Website der Genius-Gesellschaft unter “Ungereimtes – gereimt” zu finden. Hinter Pannonicus verbirgt sicht offenbar ein gewisser Richard G. Kerschhofer, wie auf ORF Lifestyle im Beitrag “Ein Kerschhofer, kein Tucholsky” zu lesen ist. Weshalb das Gedicht allerdings eine “antisemitische Ente” sein soll, kann ich aber nicht nachvollziehen.

Jedenfalls bringt uns die Krise nicht nur eine neue Weltordnung sondern auch Blüten der Peosie hervor.

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Ein Kommentar

  1. Kommentar von Meinereiner SWITZERLAND
    Mittwoch, 20. Januar 2010 @ 07:21

    Ich find das Gedichtchen toll, danke fürs raussuchen und veröffentlichen. Die Kopie habe ich schon auf meinem Rechner gespeichert.

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