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Was passiert, wenn das Netz kollabiert?

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Mittwoch, 7. November 2007

Stellen wir uns vor, das Internet bricht zusammen! Bereits beim Gedanken daran bekommen viele Zeitgenossen ein mulmiges Gefühl. Zu sehr haben wir unsere Geschäftsmodelle von diesem Kommunikationsmedium abhängig gemacht, als dass wir einfach darauf verzichten könnten. Das Internet funktioniert bis auf wenige Ausnahmen meist recht gut und wir betrachten dies als eine Selbstverständlichkeit. Aber spätestens wenn das Netz einmal (wenn auch nur für kurze Zeit) nicht verfügbar ist, wird manch einem Geschäftsleiter, Informatikleiter, Risikomanager oder COO bewusst, dass es sich lohnen könnte, sich etwas mehr mit Krisenmanagement zu befassen.

So fürchtet zum Beispiel das Government Accountability Office (GAO) einen weltweiten Internet-Knockout aufgrund physischer Vorfälle wie einer Naturkatastrophe oder einem Angriff auf die Rechneranlagen von Internet-Knotenpunkten. Das GAO hat deshalb aufgrund einer aktuellen Studie das Department of Homeland Security (DHS) aufgefordert, einen Reaktionsplan auszuarbeiten. Auch gemäss Lawrence G. Roberts (ehemaliger Leiter des Entwicklungsteams beim Internet-Vorläufer Arpanet, heute Gründer und CEO von Anagran Inc.) ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Netz kollabiert, relativ hoch, denn der Kapazitätsbedarf steigt schneller als die Preise sinken und längst machen Filesharing über Peer-to-Peer-Netze, Spam, Anfragen von Suchrobotern und Denial Of Service Attacken den Hauptanteil des Datenverkehrs aus. Wenn dann auch noch bandbreitenhungrige IP-TV Provider wie Zattoo ihre Infrastrukturkosten auf die Peer-to-Peer-Netze auslagern, ist der Punkt nicht mehr weit, an dem wir über neue Finanzierungsmodelle für die Infrastruktur des Internets verhandeln müssen.

Wenn eine internationale Bank zwei Tage lang ihren Verpflichtungen nicht nachkommen kann, ist sie im wahrsten Sinne des Wortes bankrott. Bei Versicherungen dauert es ein paar Tage länger. Wie ist dieses Risiko abgesichert? Kann man sich dagegen überhautp vernünftig absichern? Möglichkeiten gibt es einige. Kostengünstig ist keine. Deshalb stecken Erbsenzähler lieber nach Vogel Strauss-Strategie den Kopf in den Sand und hoffen, dass nichts passiert. Geiz ist nicht geil. Das hat mittlerweile auch der Elektronikmarkt Saturn begriffen und die doofe (wenn auch aus buchhalterischer Sicht dennoch erfolgreiche) Werbekampagne eingestellt. Existenzielle Risiken zu ignorieren, ist unklug. Ignoranz rächt sich immer irgendwann. Das ist nur eine Frage der Zeit. Treffen Geiz und Ignoranz aufeinander, ist dies keine gute Basis für ein erfolgreiches Krisenmanagement.

Neben der technischen Bewältigung von Infrastruktur-Risiken spielt beim Krisenmanagement auch die Kommunikation eine Schlüsselrolle, denn ohne ein funktionierendes Kommunikationsmanagement ist auch die beste technische Lösung im Krisenfall wertlos. Kunden, Partner und Mitarbeiter wollen informiert werden. Nicht erst im Nachhinein sondern zeitnah, damit sie ihrerseits die für sie notwendigen Schritte zur Abwendung und Bewältigung von Schäden rechtzeitig ergreifen können. Gerade im Hinblick auf SOX und Basel II ist ein ganzheitliches Krisenmanagement für jedes grössere Unternehmen unabdingbar. Unter ganzheitlich verstehe ich Disaster Recovery, Business Contingency, interne und externe Kommunikation sowie die übergreifende Gesamtlogistik, die alles zusammenhält. Dabei müssen zudem auch rechtliche Aspekte und die Anforderungen und Rahmenbedingungen aus dem Finanzmanagement berücksichtigt werden. Fazit: Krisenmanagement ist nichts für Anfänger oder Manager mit monokausalem Weltbild.

Wie aber soll ein Notfallszenario aussehen? Wie kann die Funktionalität der bestehenden Lösungen im Notfall mindestens vorübergehend einigermassen substituiert werden? Leider gibt es kein Patentrezept. Aber es gibt Wege zu guten Lösungen. Alles beginnt mit einer umfassenden Analyse der bestehenden Systeme und Prozesse sowie deren Nutzung, um auch zu Mengen und Häufigkeiten ein detaillierte Bild zu erhalten. Das Resultat ist eine ganzheitliche Risikobewertung unter Einbezug aller relevanten Aspekte. Sobald man sich dann entschieden hat, nicht bloss darauf zu warten, bis eine Krise eintritt, sondern für Probleme der Zukunft bereits heute Lösungen zu entwickeln, wird ein mit ausreichendem Budget bestücktes Projekt geboren. Sind die richtigen Leute an Board, kann dann eigentlich nichts schief gehen. Und wenn dann irgendwann in den nächsten Jahren das Netz kollabiert ist man bestens gerüstet.