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Bitte enttäuschen Sie mich nicht!

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Mittwoch, 26. März 2008

Smiley ganz traurigEine Enttäuschung ist eigentlich etwas sehr Positives, weil sie uns von den Fesseln der Täuschung befreit. Enttäuschung kann man daher auch als eine Variante der Erleuchtung betrachten. Trotzdem messen die meisten Zeitgenossen dem Begriff eine negative Bedeutung bei. Vor allem Führungspersonen wollen nicht enttäuscht werden, denn dann müssten sie zugeben, dass sie sich bisher getäuscht hätten. Dies käme einem Fehlereingeständnis gleich. Und welcher Manager möchte schon zugeben, Fehler gemacht zu haben? Ein richtiger Führer macht einfach keine Fehler. Das könnte ihm als Führungsschwäche ausgelegt werden. Deshalb geben Machtmenschen ihren Untergebenen zu einem Auftrag gerne auch gleich den Ratschlag mit: „Bitte enttäuschen Sie mich nicht!“. Im Klartext heisst das: „Bitte zwingen Sie mich nicht, zugeben zu müssen, dass ich einen Fehler in meiner Einschätzung gemacht habe!“.

In unserer überspannten Leistungsgesellschaft ist versagen nicht erlaubt und wird in der Regel sanktioniert. Ausser man ist zuoberst in der Führungspyramide. Dann bekommt man auch noch eine fette Abgangsentschädigung dafür, dass man seine schlecht ausgefüllte Position an einen anderen abgibt. Weiter unten auf der Leiter ist nur erwünscht, wer „überdurchschnittliche Leistung“ erbringt – was immer das auch heissen mag. Ich frage mich, wohin die anderen 50 Prozent der Arbeitnehmer hin sollen, welche nur unterdurchschnittliche Leistungen erbringen. Ausgrenzung? Abschiebung? Arbeitslosigkeit? Sozialhilfe?

Heute musste ich mir wieder einmal anhören: „Probleme will ich gar nicht hören. Ich will nur Lösungen sehen!“. Das zeugt für mich vom Unwillen, sich mit Problemen ernsthaft zu beschäftigen. Oder ist es nur einfach ein Ausdruck von Hilflosigkeit? Aufwände, Risiken und Fortschritte in IT-Projekten sind für Nicht-Informatiker und auch Quereinsteiger nur sehr schwer einzuschätzen, was aber kaum jemanden davon abhält, „sportliche Zielsetzungen“ zu formulieren. Auftraggeber wollen auch das Unmögliche von der Informatik und sind ungeduldig, bis das Kind geboren ist. Sie wollen sogar schon vor der Geburt sehen, wie es später aussehen und funktionieren wird. Diese Anspruchshaltung ist nicht ganz unberechtigt, denn schliesslich heisst es: „Wer bezahlt, befiehlt“ und „Der Kunde ist König“.

Software ist wie ein Anzug. Kauft man ihn von der Stange, passt er nicht immer so richtig. Lässt man ihn nach Mass fertigen, dauert es etwas länger. Das engültige Resultat ist erst bei Lieferung sichtbar und muss meist etwas nachgebessert werden. Softwareentwicklung hat auch mit einer Schwangerschaft durchaus einige Gemeinsamkeiten. Eine Schwangerschaft dauert nun mal naturbedingt neun Monate – egal wieviel Frauen man darauf ansetzt. Auch IT-Lösungen brauchen ihre Zeit, bis sie einen Reifegrad erreichen, bei dem sie den Benutzern zugemutet werden können. Softwareentwicklung ist mehr ein Forschungs- als ein Produktions-Prozess. Eine Applikation oder Systemkomponente, die einmal zur Lösung einer Aufgabe entwickelt wurde, kann anschliessend praktisch kostenlos beliebig vervielfältigt werden. Das ist in etwa vergleichbar mit einem Medikament, das kostengünstig hergestellt wird, nachdem seine Entwicklung ein paar Hundert Millionen verschlungen hat. So, jetzt sollte auch der Letzte verstanden haben, was Softwareentwicklung ist.

Die aufgeklärte, hochtechnologisierte Gesellschaft verlangt nach Determinismus – sei es in der Finanzwelt, in der Politik, im Marketing oder in der Softwareentwicklung. Die pränatale Diagnostik in der Medizin ist zum Beispiel schon recht fortgeschritten. Trotzdem ist die Fehlerquote immer noch recht hoch. Die Resultate sind daher stets mit Vorsicht zu geniessen. Manchmal grenzen Prognosen eben sehr an Vodoo – vor allem wenn sie das Wetter oder die Wirtschaft betreffen. Auch für Software gibt es schon Ansätze für eine „Ultraschall-Untersuchung“, welche das effektive Ergebnis und dessen Qualität bereits vor oder während der Entstehungsphase vorhersagen. Sie sind aber noch unausgereift und werden zudem nicht selten durch das gewählte Projekt-Vorgehensmodell behindert oder gar verunmöglicht. Terminverzögerungen und Budgetüberschreitungen gehören in der Informatik entsprechend zum Alltag und geben immer wieder Anlass zur Enttäuschung, auch wenn wir gesagt bekommen: „Bitte enttäuschen Sie mich nicht!“.