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Das Buch „Die Google-Falle“

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Sonntag, 30. März 2008

Buch - Die Google-FalleMit Spannung habe ich Gerald Reischls Buch „Die Google Falle“ nach dessen Ankündigung erwartet. Da ich mich selber schon seit ein paar Jahren mit dem Thema befasse, war es für mich schon fast so etwas wie Pflichtlektüre. In aufwendigen Recherchen hat Reischl Fakten und Eindrücke über den Google-Konzern zusammengetragen und Schlussfolgerungen daraus gezogen. Sehr viel Neues kam dabei zwar nicht ans Licht, aber es ist meines Wissens das erste Mal, dass jemand ein so umfassendes Bild von Google gezeichnet hat, das den Suchriesen nicht nur von seiner Zuckerseite zeigt. Reischls Ziel, die Leser aufzuklären und zur Bewusstseinsbildung beizutragen, hat er damit sicher erreicht.

Angefangen bei der Unternehmenskultur, über die verschiedenen Betätigungsfelder bis hin zu einer Skizze der Google-Zukunft (DNA-Datenbanken, …) beschreibt Reischl ungeschminkt, was Google hinter seinem Motto „don’t be evil“ so alles treibt und noch zu treiben plant. Die meisten Nutzer der kostenlosen Google-Dienste wären sicher nicht einverstanden, wenn sie wüssten, welche Daten Google über sie sammelt und was die „Datenkrake“ mit diesen alles anstellt. Das lässt sogar die Überwachungspläne des deutschen Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble und von EU-Innenkommissar Franco Frattini wie Lausbubenstreiche aussehen.

Die Blindheit und schon an Dummheit grenzende Gleichgültigkeit der meisten Google-Nutzer gegenüber den Gefahren, denen sie sich durch die (meist unbewusste) Preisgabe persönlicher Daten aussetzen, wird immer wieder vor Augen geführt. Für meinen Geschmack hätte dies an ein paar konkreten, umfassenderen Beispielen von Nutzer-Profilen noch etwas prägnanter veranschaulicht werden können. Hilfreich fände ich eine auch für „Anfänger“ umsetzbare Anleitung, wie man sich durch konkrete technische Konfiguration des Computers und entsprechende Verhaltensweisen vor den Gefahren des Gläsernwerdens schützen kann. Immerhin zeigt Reischl, welche alternative Dienstanbieter es auf dem Markt gibt, von denen eine weit geringere Gefahr ausgeht.

Gerald ReischlAlle von Reischl zusammengetragenen Informationen decken sich weitgehend mit den Ergebnissen meiner eigenen Recherchen und Schlussfolgerungen, dass Google zu einer gefährlichen und unkontrollierten Welt- und Wirtschaftsmacht im Internet angewachsen ist, ohne dabei die Leistungen von Google in irgendeiner Weise geringschätzen zu wollen. Google bietet durchaus äusserst nützliche Services. Nur darf man sich dabei nicht durch einseitige, naive Betrachtungen blenden lassen. Google ist gefährlich für unsere Privatsphäre und wird mit jedem Tag gefährlicher.

Einzig in der Urheberrechtsproblematik hinsichtlich Googles Copy-Paste-Gleichgültigkeit muss ich Reischl widersprechen. Regulierung, Kontrolle oder Verhinderung von Plagiarismus kann nicht Aufgabe einer Suchmaschine sein. Das käme einer Zensur gleich. In diesem Punkt widerspricht sich Reischl selber. Wahrscheinlich ist er in dieser Hinsicht als selber betroffener Publizist etwas vorbelastet und befangen. Daher sei ihm dies verziehen. Auch die Bedeutung der semantischen Suche beziehungsweise des „Semantic Web“ überschätzt der Autor meiner Ansicht nach ein wenig – nicht zuletzt wegen der zu grossen Komplexität und der Realisierbarkeit von semantischen Konzepten. Ohne das Wissen über den aktuellen Kontext gibt es keine Semantik. Auch mit künstlicher Intelligenz lässt sich dieser nicht so leicht eruieren. Somit ist und bleibt das semantische Web weitgehend ein rein theoretisches Konzept. Das wird auch eine Wissensweltmacht Google nicht so rasch ändern.

Das Buch liest sich leicht und flüssig, auch wenn man teilweise den Eindruck gewinnt, dass es unter Zeitdruck entstanden ist. Aus eigener Erfahrung weiss ich allerdings, welchen Aufwand es bedeutet, all diese Daten zusammenzutragen und in eine lesbare und auch für Laien weitgehend verständliche Form aufzubereiten. Daher ist der Preis von zwanzig Euro für die gebundene Ausgabe trotz der „nur“ ca. 180 Seiten gerechftfertigt – auch wenn es mich in gewissen Teilen stark an die WOZ-Spezialausgabe „Google der grosse Bruder“ erinnert hat.

Ich hoffe, dass das Buch viele Leser findet und das Bewusstsein für die Gefahren des Internet weckt. Deshalb meine Anregungen an den Autor für eine kommende überarbeitete Auflage (von denen es hoffentlich noch einige geben wird):

  • Erwähnenswert fände ich, wie Google die angebliche Anzahl der gefundenen Treffer systematisch manipuliert und hochstapelt. Die Vertrauenswürdigkeit und Zuverlässigkeit der Trefferliste ist auch nicht über alle Zweifel erhaben. Oder liegt das an Googles Zensur?
  • Google hat trotz praller Kriegskasse ein Finanzproblem aufgrund mangelnder Nachhaltigkeit und der Instabilität des Geschäftsmodells, das grundsätzlich relativ leicht substituierbar ist. Seit Ende Jahr befindet sich die Aktie im Sinkflug.
  • Google besitzt mehr Wirtschaftsinformationen als jedes andere Unternehmen, jede Organisation oder jeder Geheimdienst. Das Wissen über die Werbekunden dient zum Beispiel als vorlaufender Indikator für die Entwicklung der einzelnen Branchen und Börsenkurse. So hat Google die Möglichkeit, mit Insiderwissen an der Börse viel Geld zu „verdienen“ und die Kurse zu manipulieren.
  • Ein Vergleich mit den Bemühungen Microsofts zur Wissenaggregation und -vermarktung, den Produkten und Online-Plattformen (Encarta, MSN, …) sowie den Methoden zur Kundenbindung bzw. -knechtung wäre äusserst interessant.
  • Ich wünschte mir ein knackiges Schlusswort, das in ein paar Worten zusammenfassend erklärt, warum Google eine Falle ist.

In einem Punkt bin ich mit Reischl jedenfalls völlig einer Meinung:
„Die Welt ist eine Kugel, sie sollte keine Google werden“.

Wer sich für Reischls Werk interessiert, dem empfehle ich auch das Interview „Die Google-Verschwörungstheorie“ mit Stefan Weber bei Telepolis oder das Interview mit Reischl in der Sendung konkret auf ORF2: