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Nacktscanner und die öffentliche Scham

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Mittwoch, 13. Januar 2010

STOP Body Scanner!Die Diskussion um Nacktscanner an den Flughäfen spaltet die Bevölkerung. Vordergründig geht es um die Sicherheit. Die Angst vor Terroranschlägen soll den Einsatz von Scannern, die unter unsere Kleider schauen, rechtfertigen. Doch kaum jemand will sich in der Öffentlichkeit von Sicherheitsbeamten nackt beglotzen lassen müssen, auch wenn sie oder er dabei Kleider trägt. Müssen wir unser Verständnis und unseren Umgang mit der Nacktheit im Namen der Sicherheit neu definieren?

Amateurproduzenten und „Raubkopierer“ bedrohen die Existenz der professionellen Fleischbeschauindustrie. Die Umsätze der „Erotikfilm“-Branche purzeln in den Keller. Mit solcherlei Filmmaterial lässt sich immer weniger Geld verdienen, obwohl die Sexualisierung unserer Gesellschaft ein Allzeithoch erreicht hat. Selbstauszieher und Selbstdarsteller aus den Reihen der Amateure tun es ihren professionellen Kollegen gleich. Ihre Motivation ist aber nicht kommerzieller Natur. Sie tun es für den „erotischen Kick“. Sexuell motivierter Voyeurismus und Exhibitionismus scheinen salonfähig geworden zu sein. Seit Woodstock wird die „sexuelle Befreiung“ propagiert, derzufolge sich niemand für Nacktheit und öffentliche Sexualität zu schämen braucht. Intimsphäre und Scham scheinen nur noch Relikte einer prüden und veralteten Moralvorstellung zu sein. Die Lust an der Nacktheit ist in gewissen Teilen der Gesellschaft scheinbar zur Normalität geworden. Doch zwischen öffentlicher Wahrnehmung und privater Praxis klafft trotz aller Toleranz und Freizügigkeit eine Lücke.

Die Freiheit im Nacktscanner
(Daryl Cagle)

Nacktheit wird nun auch ein Element im Sicherheitsgeschäft. Nacktscanner an Flughäfen befriedigen die Lust an der vermeintlichen Sicherheit. Wer fliegen will, muss sich mit einem Scanner unter die Wäsche schauen lassen. „Wer nichts zu verbergen hat, braucht auch nichts zu befürchten“ heisst die Devise. Scham(gefühl), Intimsphäre und Respekt haben im Geschäft mit der Sicherheit nichts verloren. Dass sich Sprengstoff auch in den Leibeshöhlen verstecken lässt, die von einem Nacktscanner nicht erfasst werden können, ist den Sicherheitsfetischisten dabei offensichtlich entgangen. Die virtuelle Zwangsentblössung in der Öffentlichkeit ist eine behördlich erzwungene Demütigung. Sie führt zum Verlust der Menschenwürde, aber zu mehr Sicherheit führt sie nicht.

Wozu dann das Ganze? Will man etwa erzwingen, dass strenggläubige, muslimische Frauen nicht mehr mit dem Flugzeug fliegen? Das wird ihre todesmutigen Glaubensgenossen allerdings kaum von Terroranschlägen zurückhalten. Aber den Geräteherstellern beschert der Sicherheitswahn neue Absatzmärkte und Rekordumsätze. Leidtragende sind die unbescholtenen Bürger, die nichts zu verbergen haben, aber ihre Scham opfern müssen, um ihre Unschuld zu beweisen. Und über die höheren Ticketpreise bezahlen sie für den Wirtschaftsaufschwung einer Branche, die von der Paranoia der Politiker lebt.



Ein Kommentar

  1. Kommentar von tin
    Mittwoch, 13. Januar 2010; 17:18

    Die Kritik an diesen neuen Scannern habe ich bisher fast nur in ein paar Blogs gelesen – unsere Medien sind wieder Mal schön brav – alles, was unter dem Stichwort „Sicherheit“ und vor allem „mehr Sicherheit“ verkauft wird, wird unkritisch einfach übernommen. Es ist ziemlich klar erwiesen, dass ein solcher Scanner den Nigerianer mit seiner Unterhosenbombe nicht enttarnt hätte. Aber die Paranoia nimmt ruhig ihren Lauf.