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Neues aus Absurdistan 11

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Montag, 8. November 2010

Onlinekartendienste wie Google Maps und Bing Maps erfreuen sich grosser Beliebtheit nicht nur bei Privatanwendern sondern auch bei Spionen, Einbrechern, Terroristen, den Medien und sogar beim Militär. Doch leider ist das Kartenmaterial nicht immer über alle Zweifel erhaben. Das musste auch der nicaraguanische Militärkommandeur Edén Pastora erfahren, der seine Truppen an den See „San Juan“ im Nachbarland Costa Rica verlegte und dort die Flagge Costa Ricas einzog, um die nicaraguanische Landesflagge zu hissen, angeblich weil Google den Grenzverlauf um rund 2.7 Kilometer versetzt anzeigte. Die Kartendaten stammten vom US Department of State. Ob dies nun auf einen Fehler oder eine bewusste Fälschung zurückzuführen ist, ist unklar, zumal der Grenzverlauf zwischen den beiden Ländern schon länger umstritten ist. Jedenfalls beschwor der Kommandeur damit einen Konflikt zwischen den beiden Staaten herauf. Der militärische Einmarsch in Costa Rica hätte durchaus als Kriegserklärung aufgefasst werden können. Doch Costa Rica hat schon seit Jahrzehnten keine Armee mehr, seit der damalige Präsident José Figueres Ferrer diese abgeschafft und die Armeelosigkeit in der Verfassung festgeschrieben hat. So konnte die Bananenrepublik dem Eindringling auf militärischer Ebene nichts entgegen setzen. Es blieb bei der Empörung Costa Ricas und die Regierung erwägt, die UNO einzuschalten, denn dies war nicht der erste Grenzverstoss. Der Volkszorn schwelt zunehmend.

Es ist schon erstaunlich, welch ein Vertrauen solchen Gratisdienstleistungen entgegengebracht wird. Trotzdem bin ich nicht wirklich überrascht. Schliesslich vertrauen bereits seit längerem ganze Wirtschaftszweige auch dem GPS-Signal, dem globalen Navigationssatellitensystem zur Positionsbestimmung und Zeitmessung. Navigationssysteme der Schiff- und Luftfahrt sowie in Fahrzeugen, elektronische Fussfesseln im erleichterten Strafvollzug, Landvermessungen und vieles mehr basieren auf den Satellitendaten des US-Verteidigungsministeriums, d.h. die Daten werden von einem Land geliefert, das sich seit rund zwanzig Jahren im permantenten Kriegszustand befindet. Die fatalen Konsequenzen von falschen GPS-Daten kann man sich kaum ausmalen. Ich hoffe, hier passiert keine solche Panne wie bei Google Maps.



3 Kommentare

  1. Kommentar von Bobsmile
    Dienstag, 9. November 2010; 17:13

    Interessant ist auch der Nachtrag #2 im erwähnten Artikel von Matt McGee (searchengineland.com), wonach der Kommandeur Edén Pastora möglicherweise bereits in Costa Rica „einmarschiert“ war, bevor er die Grenzlinie mit Google Maps verifiziert haben soll.
    Dies stimmt auch mit seiner Aussage in der Nicaraguanischen Presse überein, Zitat:

    “The maps are not going to tell me where the borders are; the treaties [->1858 Cañas-Jerez Treaty] are.“

    Noch grössere politische Brisanz birgt die Aussage des Nicaraguanischen Aussenministers im gleichen Artikel, der Grenzverlauf bei GoogleMaps sei absolut korrekt, und Google solle ja nichts dran ändern, Zitat:

    „[…], Nicaraguan Foreign Minister Samuel Santos sent his own letter to Google representatives on Nov. 4, saying that the contentious map is „absolutely correct“ and that Google shouldn’t make „any modifications“ to the border coordinates.“

    Ein Schelm, der Böses (Absicht?) dabei denkt.

  2. Kommentar von Toms Bike Corner, Rosenheim
    Dienstag, 9. November 2010; 18:03

    Am meisten hab ich mich darüber gewundert, das militärische Entscheidung allein von Karten aus dem Internet getroffen werden. Da müssen doch eigene Karten – topographische Karten – zur Verfügung stehen, die 100% exakt sind.

  3. Kommentar von Bobsmile
    Mittwoch, 10. November 2010; 07:46

    @Tom
    Genau, das Problem ist, dass der Grenzverlauf in dieser Region eben umstritten ist. Ich vermute, dass beide Länder über topographische Karten verfügen, die aus ihrer Sicht „100% exakt“ sind.
    🙂