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Ist alles recht, was billig ist?

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Montag, 30. April 2012

billig einkaufenDie meisten Menschen eifern Dingen nach, die sie für erstrebenswert erachten, ohne sich der Konsequenzen ihres Handelns bewusst zu sein. Wer bei diesem ersten Satz schon denkt: „Ich doch nicht!“ oder „So ein Unsinn!“, der gehört mit grösster Wahrscheinlichkeit dazu. Solange die für uns sichtbare Welt für uns annehmbar erscheint, ist die Welt für uns in Ordnung. In dieser Welt fühlen wir uns wohl, diese wollen wir nicht verlassen. Wir erschaffen uns damit geistige Mauern und verweigern uns jeglicher Erkenntnis. Würden wir nur ein bisschen hinter diese Mauern blicken, bekämen wir ein ganz anderes Bild von dieser Welt. Doch viele wollen das gar nicht, damit sie keinen Anlass haben, ihr Leben und Handeln verändern zu müssen. Das wäre ja auch nur all zu mühsam.

Wenn wir billig einkaufen können, ist das ein Segen für unser Haushaltsbudget und immer mehr Menschen mit niedrigem Einkommen sind froh um solche Möglichkeiten. Doch wenn für unseren Wohlstandskonsum andere die Rechnung bezahlen müssen, sollte uns dies kein Anlass zur Freude sein. Irgendjemand bezahlt immer irgendwie die Rechnung. Solange wir diese Personen nicht kennen, können wir uns hinter der Maske der Anonymität in der globalisierten Wirtschaft verstecken. Doch, wie würden wir uns verhalten, wenn wir die Personen persönlich kennen würden, zu deren Lasten unser Konsum und Wohlstand geht, und auch wir ihnen persönlich bekannt wären? Was wäre, wenn sie unsere Freunde oder Familienmitglieder wären? Würden wir dann immer noch auf maximal tiefe Preise fixiert sein oder wären wir dann bereit, einen fairen Preis zu bezahlen? Doch, wie hoch muss dieser sein?

Sale SaleBillig konsumieren ist schon lange vor Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise zum Volkssport geworden. Schnäppchenjäger nennen wir die Könige dieser Disziplin. Wenn Luxusautos wie ein Audi A8 oder ein Merzedes Benz der S-Klasse vor Billigdiscountern wie Aldi, Lidl, Denner, Kik und H&M parkieren, findet das sogar Otto Normalverbraucher etwas unpassend und irritierend. Für viele kann nichts billig genug sein, um im Konsumrausch schwelgen zu können. Seit vielen Jahren gibt es schon Organisationen zur Förderung des fairen Handels in der globalisierten Wirtschaft wie FairTrade und terrafair und gerade im Lebensmittelbereich konnten teilweise schon ansehnliche Erfolge erzielt werden, doch vor allem bei Elektronikartikeln und Textilien ist die Situation nach wie vor besonders schlimm.


Jeans-Herstellung in China (45min: Der Preis der Blue-Jeans)

In der Textilbranche sind die Margen so exorbitant hoch, dass sogar Billig-Labels wie H&M riesige Verkaufsflächen an der Bahnhofstrasse in Zürich betreiben können – an einer der luxuriösesten Einkaufsmeilen der Welt mit Nettobodenpreisen von mittlerweile über 50’000 Franken beziehungsweise 8’000 bis 10’000 Franken und mehr Jahresmiete pro Quadratmeter sowie Ablösesummen in bis zu 7-stelliger Höhe. Wenn Kleider zum halben Preis immer noch mit genügender Rendite verkauft werden können, komme ich mir zudem auch als Konsument ausgenützt und gemolken vor. Bei den Arbeitern der Hersteller in den Billiglohnländern kommt von diesem Geld allerdings kaum etwas an. Dort herrschen noch Zustände wie zu den schlimmsten Zeiten der Industrialisierung in Europa. Während in Europa damals die Produktionsvolumina noch relativ überschaubar waren, sind die Mengen der billig hergestellten Güter heute um ein Mehrfaches grösser, weil sich die Weltbevölkerung seither vermehrfacht hat und an den Billigstandorten für die ganze Welt produziert wird. Zudem kommen hoch giftige Chemikalien zum Einsatz, die es früher noch gar nicht gab. Entsprechend zerstörerisch sind die Auswirkungen auf die Umwelt und den Lebensraum in den Herstellungsregionen.


ZDFzoom vom 27.03.2012 – Die Lohnsklavinnen – Billigmode aus Indien

Damit wir ein paar Franken oder Euro billiger einkaufen können, müssen andere Menschen unter Bedingungen schuften, die wir selber niemals akzeptieren und unseren Kindern unter keinen Umständen zumuten würden. Mit unserem Konsumverhalten hätten wir die Macht, die Anbieter zu zwingen, ihre Produktion auf menschenfreundliche und umweltverträgliche Verfahren umzustellen. Man muss kein Öko-Taliban sein, um sich für bessere Lebensbedingungen anderer und einen vernünftigen Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten einzusetzen. Ein Blick auf die Hersteller-Etikette vor jedem Kauf und der Verzicht auf problematische Produkte wären bestimmt ein guter Anfang und tun keinem weh. Vielleicht würde es sich lohnen, zwischendurch auch einmal ein paar Abstriche an unserer Konsumgier zu machen. Nicht alles, was billig ist, ist auch recht und ethisch vertretbar.

Gefährliche Produkte in der EU (Update vom 08.05.2012)

Gemäss einer Pressemitteilung der EU-Kommission waren schädliche Kleidungsstücke 2011 die am häufigsten beanstandeten Konsumgüter in der EU. Über die Hälfte der gefährlichen Produkte kamen wie schon in den Jahren zuvor aus China. Immerhin ist ein leichter Abwärtstrend erkennbar. Dass generell immer weniger gefährliche Artikel auf den EU-Markt gelangen, ist nicht zuletzt dem EU-Schnellwarnsystem RAPEX für gefährliche Produkte (ausser Lebensmitteln) zu verdanken.



2 Kommentare

  1. Kommentar von ClaudiaBerlin
    Samstag, 5. Mai 2012; 13:39

    Es geht nicht mal nur um „billig“ konsumieren, sondern um Konsum als Massenphänomen, als Wirtschaftsmotor, als Arbeitsplatzgarant, als Volkssport und Shopping-Hobby überhaupt:

    Wie können Menschen auf Dauer nur so bescheuert sei, zu glauben, dass ein solcher Konsum mit den begrenzten Ressourcen des „Raumschiffs Erde“ ein nachhaltiges Verhalten sein könnte? Wir verzehren und vermüllen die Zukunft nachfolgender Generationen – und niemand macht sich ernsthaft um Alternativen Gedanken. Geschweige denn, dass man sich da irgendwie weltweit einigen könnte…

    Wie die Lemminge rennt die Menschheit ins Verderben, in Richtung eines ausgeplünderten Planeten, auf dem nurmehr ein Hauen & Stechen um die letzten Ressourcen statt findet.

    Jedes Jahr ein neues Handy oder Tablet, Klamotten für eine Saison, „optimierte“ Produkte mit eingebautem Verfallsdatum – all das ist halt so viel wichtiger als Zukunft.

  2. Kommentar von LD
    Sonntag, 6. Mai 2012; 10:54

    Das Finanzschneeballsystem erzwingt ein exponentielles Wachstum der Realwirtschaft. Das ist (und auch dies nur zeitlich begrenzt) nur mit einem entsprechenden Raubbau an den natürlichen Ressourcen möglich und bedingt einen entsprechenden Absatz d.h. Konsum auf dem Weltmarkt. Der gesunde Menschenverstand wird durch die Werbung ausgeschaltet, damit kein Konsument den Irrsinn hinterfragt. König Matto regiert die Welt.

    Wenn sich die Menschheit als untragbarer Schädling auf dem Planeten erweist, wird sie durch die natürliche Selektion eliminiert werden.