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Die Informatik hat ein Problem

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Donnerstag, 12. Juni 2008

Informatik_01Die Studierendenzahlen in Informatik an den Hochschulen sind seit Jahren rückläufig. Unternehmen haben zunehmend Mühe, genügend qualifizierte Informatikerinnen und Informatiker in der Schweiz finden. Obwohl die Informatik und der Beruf des „Informatikers“ (den es so eigentlich gar nicht gibt) in der Informationsgesellschaft doch einen hohen Stellenwert haben müssten, ist der „Informatikerberuf“ längst nicht so angesehen wie der eines Juristen oder Mediziners. Viele wissen nicht einmal, dass man Informatik an Hochschulen und Universitäten studieren kann. Dies liegt wahrscheinlich auch daran, dass überall, wo Informatik als Schulfach unterrichtet wird, nur die Anwendung von Office-Tools thematisiert und gelehrt wird. Dies sind die Resultate der Studie „Das Image der Informatik in der Schweiz“ der Hasler Stiftung. Das ist aber nur ein Teil der ganzen Wahrheit. Das Problem ist weit vielschichtiger!

Immer wieder werde ich persönlich mit folgender Situation konfrontiert: „Du bisch doch Informatiker. Miin Kompjuter spinnt wider e mal und ich han kei Ahnig, was los isch. Chasch nöd e mal g’schnäll …?“ In solchen Augenblicken als Informatik-Ingenieur Ruhe und Anstand zu bewahren, braucht manchmal viel innere Kraft und Selbsbeherrschung. Niemand käme auf die Idee, einen Architekten oder Bauingenieur danach zu fragen, ob er eine tropfende Wasserleitung reparieren oder die Hausmauer an der Ecke ausbessern würde. Doch „Informatiker“ sind anscheinend Alleskönner.

Aber eigentlich gibt es – wie eingangs schon erwähnt – den Beruf des Informatikers eigentlich gar nicht. Ca. 80 Prozent der in der Informatik Beschäftigten sind Quereinsteiger aus anderen Berufsgattungen. Darunter finden sich Elektroniker, Maler, Schreiner, Bankangestellte, Betriebswirtschaftler, Kaufleute, Fahrradmechaniker, Grafiker, Köche, Detailhandelsangestellte, Physiotherapeuten und viele andere Berufe. Nur knapp 20 Prozent der „Informatiker“ verfügen über ein Ingenieur- bzw. Hochschul-Diplom, das sie vielfach erst auf dem zweiten Bildungsweg erworben haben. Das erklärt wahrscheinlich teilweise auch den Status des „Informatikers“ in der Gesellschaft. Ebenso vielfältig wie die Herkunft sind aber auch die Jobprofile: Anwendungs- oder System-Entwickler, Business- oder IT-Analyst, Projektleiter, Tester, Testdesigner, Testmanager, Entwicklungsleiter, PC-Supporter, Anwendungsbetreuer, Produkt-Manager, Netzwerktechniker, Systembetreuer/Operator, Datenbank-Designer bzw. -Architekt, Datenbank-Administrator, Anwendungs- oder System-Architekt, GUI-Designer, Webmaster, Methodiker, Hardware-Entwickler, Sicherheits-Spezialist, ICT-Forensiker, Kryptologe, etc. Mit Office-Tools hat das meist nur sehr wenig zu tun und die Spezialisierung nimmt weiter zu. Die Broschüre „Informatik-Berufe“ der Hasler-Stiftung gibt weitere Einblicke.

Noch viel abschreckender als der soziale Status ist für strukturiert denkende Ingenieure mit überdurchschnittlichem Abstraktionsvermögen das meist chaotische Arbeitsumfeld auf mehrheitlich Amateurniveau. Natürlich gibt es auch hier löbliche Ausnahmen – zum Glück. In Unternehmen wie Netcetera, Ergon, Canoo oder Zühlke (um nur vier zu nennen) häufen sich die diplomierten Systemdenker, für die Spezialisierung eine Einschränkung in ihren geistigen Fähigkeiten bedeutet und eine Beleidigung ihres Intellekts darstellt. Aber andernorts und vor allem in der Finanz- und Versicherungs-Informatik oder auch in den öffentlichen Verwaltungen ist die Professionalität um Klassen tiefer, auch wenn man das aus den Salären nicht unbedingt schliessen würde.

Der Alt-Professor Niklaus Wirth bemängelt in seiner Schrift „The Year of Informatics“ zum Jahr der Informatik  zu Recht das fehlende Berufsethos sowie die „quick and dirty“-Mentalität der „time to market“-Ära, in der ein Produkt nicht mehr die Gelegenheit erhält, nach den Regeln der Ingenieurskunst entworfen zu werden und zur Reife zu gelangen, bevor es zur breiten Anwendung gelangt, und erst vom Markt genommen wird, wenn es so verbastelt ist, dass an Wartung und Erweiterung mit betriebswirtschaftlich vertretbarem Aufwand nicht mehr zu denken ist. Die Informatik wird heute durch organischen Wachstum bestimmt, dessen Saatgut mehr das Ergebnis einer kurzfristigen Idee eines Profilierungsneurotikers ist als die Frucht einer langfristigen Geschäfts- und Informatik-Strategie. An diesem Umfeld, das die Rahmenbedingungen für die Jobs in der Informatik bildet, wird sich so rasch auch kaum etwas ändern. Für helle Köpfe ist dies wahrlich kein attraktives Arbeitsumfeld. Houston, we’ve got a problem!



4 Kommentare

  1. Kommentar von Kristian
    Freitag, 13. Juni 2008; 00:24

    Ich kann mir gut vorstellen, warum das Image des Informatikers so leidet. Mit Informatiker denkt man gleich an den Computerfreak, der eigentlich nur fast den ganzen Tag zu Hause sitzt und nur noch am Computer etwas macht, kaum oder gar keine Freunde geschweige soziales Dasein hat. Das 80% Quereinsteiger sind habe ich bisher auch nicht gewusst. Ich werde den direkten Weg über das Studium nehmen und ihn hoffentlich mit Bravour bestehen … 🙂

  2. Kommentar von LD
    Freitag, 13. Juni 2008; 02:12

    Lieber Kristian
    Ich wünsche Dir viel Erfolg bei Deinem Studium! Den Mutigen gehört die Welt. Den Verrückten bleibt nur die Informatik. 😉 Sag Bescheid, wenn wir Dich im Club der Bitweisen begrüssen können!

  3. Kommentar von Hans
    Freitag, 13. Juni 2008; 19:32

    Ich werde auch den direkten Weg gehen und hoffe den Durchscnitt zu verbessern 😉

  4. Kommentar von LD
    Freitag, 13. Juni 2008; 20:20

    Das gibt Anlass zur Hoffnung :-)) Es kann ja bloss besser werden.