[ Menu ]

Revolutionen zwischen Scheitern und Erfolg

Beitrag drucken

Donnerstag, 15. Dezember 2011

RevolutionRevolution ist ein in jüngster Zeit sehr häufig und von den Medien teilweise schon inflationär verwendeter Begriff. Der Prozess einer „plötzlichen“ gesellschaftlichen Umwälzung wird als etwas Besonderes dargestellt. Dabei ist Revolution im Sinne eines rasch vollzogenen Veränderungs- und Anpassungsprozesses doch nur ein gewöhnliches Element der Evolution. Wenn Altes überholt ist, muss es dem Neuen weichen.

Der Mensch ist grundsätzlich träge und ein Gewohnheitstier. Nur ganz wenige Psychopathen revoltieren aus Prinzip gegen alles. Die ganz grosse Mehrheit dagegen bewegt ihren Hintern erst, wenn sie sich dazu gezwungen sieht. Niemand zettelt eine Revolution aus dem Nichts an, ausser er verdient eine Menge Geld damit, was ja auch schon vorgekommen sein soll. Ein Schelm, wer dabei an Ereignisse in der jüngsten Vergangenheit denkt.

Die Lust auf Revolution

Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Schuldenkrise, Rohstoffkrise, Nahrungskrise, Überschwemmungskatastrophen, Kernreaktorschmelze, Klimakatastrophe, … Der Planet Erde scheint arg in Schieflage zu sein. Dies ist jedenfalls das Bild, das uns in den Massenmedien Tag für Tag vermittelt wird. Und irgendwie macht sich bei uns schleichend eine Ohnmacht breit. Wir verspüren den Drang, die Dinge zu ändern. Doch haben wir als Individuum nicht die Mittel, das Weltgeschehen massgebend genug zu beeinflussen. Und auch im Kollektiv gelingt es uns nicht, uns auf eine Lösung zu einigen, geschweige denn, diese irgendwann einmal umzusetzen. Nicht einmal über die Ursachen der von uns wahrgenommenen Probleme herrscht Einigkeit. Der Konsens besteht lediglich in der Wahrnehmung, dass vieles im Argen liegt und zum Besseren gewendet werden müsste. In uns steigt die Lust auf Revolution und zugleich haben wir Angst davor – zumindest jene, die noch einiges zu verlieren haben. Dort, wo die Lebensverhältnisse wesentlich schlechter als hierzulande sind, haben viele Menschen praktisch nichts mehr zu verlieren und scheuen sich nicht, dies in teilweise sogar gewalttätigen Grossdemonstrationen öffentlich zu artikulieren und grundlegende Änderungen zu fordern.

Laufende Revolutionen

Die Geschwindigkeit, mit der die neuen Protestbewegungen global wachsen, ist schon fast beängstigend. In keinem Jahr sind so viele entstanden wie 2011. Die neuen Bewegungen organisieren sich, wie sich das in der modernen Informationsgesellschaft gehört, über das Internet. Allein im Zusammenhang mit der globalen Occupy-Bewegung sind bereits 601 Live Streams registriert (Stand 15.12.2011).


Wenn Politiker von Freiheit und Menschenrechten reden …

In vielen Ländern brodelt es bereits ganz gewaltig. In der Schweiz jammern wir im internationalen Vergleich mehrheitlich noch auf sehr hohem Niveau und jene, die bereits unter die Räder gekommen sind, fühlen sich machtlos, machen die Faust im Sack und versuchen, irgendwie trotzdem über die Runden zu kommen. Doch in den USA, in China, Griechenland, Syrien und einigen anderen Ländern mehr sind Ansätze einer Revolution deutlich sichtbarer, wenn sie nicht schon in vollem Gange ist. In Tunesien, Libyen und auch in Ägypten scheint die Revolution bereits geglückt zu sein. In Wahrheit handelte es sich hier jedoch jeweils um einen von der NATO, d.h. von den USA und ihren Verbündeten, initiierten, finanzierten und in Libyen sogar mit militärischer Unterstützung durchgeführten Putsch. Nicht Freiheit und Demokratie stehen im Vordergrund, sondern knallharte Macht- und Wirtschaftsinteressen sind hier die Treiber für das Engagement der Westmächte.

Ist das die Revolution, die wir uns wünschen? Da läuft doch etwas in eine ganz falsche Richtung! Warum wird das Volk in Syrien von der Nato im Kampf gegen den Despoten Assad nicht gleich unterstützt wie in Libyen? Schliesslich fliessen auch hier grössere Geldsummen aus den USA ins Land zur Unterstützung der Revolution, wie es US-Präsident Obama schon im Sommer öffentlich verkündet hat. Stattdessen begnügt man sich mit Solidaritätsbekundungen und der Entsendung von UNO-Beobachtern, um „sich ein Bild von der aktuellen Menschenrechtslage zu machen“. Es scheint, als wolle man die Unruhen in Syrien aufrecht erhalten, aber auf keinen Fall eine rasche „Lösung“ wie in Libyen erreichen.

Lehren aus vergangenen Revolutionen

Revolutionen prägen seit je her die Geschichte der Menschheit. Einige verliefen friedlich, die meisten jedoch blutig. Manche waren erfolgreich. Andere sind kläglich gescheitert. Exemplarisch zu nennen wären diesbezüglich:

  • Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg (1775-1783)
  • Französische Revolution (1789-1799)
  • Russische Oktober-Revolution (1917)
  • Ungarnaufstand (1956)
  • Prager Frühling (1968)
  • Orange Revolution in der Ukraine (2004)
  • Arabischer Frühling (2011)

Spontane Revolutionen gibt es zwar immer wieder. Doch mangels konkreten Lösungskonzepten, eines ausgereiften Umsetzungsplans oder einer klaren Führung enden sie immer im Desaster. Eine Revolution, die erfolgreich sein will, muss gut vorbereitet und straff geführt werden, denn eine Revolution ist ein grosses Projekt und verlangt entsprechend ein führungsstarkes und intelligentes Projektmanagement, will man den Ausgang des Projektes nicht dem Zufall überlassen.


Der Ungarn-Aufstand 1956 (siehe auch „Ungarn in Flammen„)

Daraus kann geschlossen werden, dass alle erfolgreichen Revolutionen ein solches Projektmanagement gehabt haben mussten. Dies gilt insbesondere auch für den Arabischen Frühling, der uns in den Medien als spontaner Volksaufstand verkauft wurde, weil kein einziger Journalist der Massenmedien die Meldungen der wenigen und keineswegs unabhängigen Nachrichtenagenturen kritisch hinterfragt hat, obwohl allen bewusst sein dürfte, dass diese Nachrichtenagenturen ihre „Informationen“ zu diesen Themen praktisch ausschliesslich von den kriegsführenden Armeen und ihren Mediensprechern erhalten. Da nützt es wenig, wenn ein Reporter eine Live-Reportage aus einem Nachbarland inszeniert.

So berechtigt die Anliegen der Occupy-Bewegung auch sein mögen, mangels klarer Ziele, eines Umsetzungsplans und eines Projektmanagements kann davon ausgegangen werden, dass sie kaum in einer erfolgreichen Revolution enden wird. Vielleicht sollte mal wirklich jemand mit einer Problemanalyse beginnen, bevor man mit der Lösung beginnt.


Unruhen in den USA während der grossen Depression 1930



4 Kommentare

  1. Kommentar von Claudia Klinger
    Freitag, 23. Dezember 2011; 13:02

    Wie du aber selber schreibst, wird man nicht einmal Einigkeit über die Ursachen herstellen, geschweige denn konkrete Alternativen planen können!

    Dass sich Unmut, Ärger, Empörung über das laufende Krisensystem dennoch endlich Ausdruck verschaffen, finde ich gut (sofern es gewaltlos bzw. allenfalls „ziviler Ungehorsam“ bleibt). Davon fühlen sich viele Bürger angesprochen, die selber (noch?) nicht demonstrieren und vor Banken zelten wollen oder können. Es stärkt das Bewusstsein, dass die eigene Kritik, die eigene Empörung über vielerlei Missstände berechtigt ist – und eben NICHT nur individuelle Stimmung, Klage auf hohem Niveau (verglichen mit Drittweltländern).

    Ich glaube, in den heutigen Gemengelagen ist es weniger denn je möglich, quasi „top down“ eine Revolution als „Projekt“ durchzuziehen, die mehr bringt als Chaos und Gewalt.

    Das Alltagsverhalten vieler muss sich ändern – beim konsumieren und Ressourcen verbrauchen ebenso wie beim Geld anlegen. Ändern sich die Menschen und damit das, was sie für akzeptabel halten, muss sich auch die Wirtschaft und die „große Politik“ ändern.

    Die Occupy-Bewegung hält das Bewusstsein wach, das so leicht auf konsumgestützte Ablenkungen ausweicht und gerne glauben mag, es sei immer noch alles halbwegs in Ordnung.

  2. Kommentar von LD
    Freitag, 23. Dezember 2011; 13:49

    @Claudia: Die Occupy Bewegung finde ich durchaus auch sympathisch, doch gerade in der Schweiz braucht es noch einiges mehr, bis auch Otto Normalverbraucher die Trägheit seines Gesässes überwindet und selber aktiv wird. Nicht nur unser Verhalten sondern unsere gesamte Lebenseinstellung, unsere Erwartungshaltung und unser Wertesystem müssen sich grundlegend ändern. Erst dann ist eine nachhaltige Veränderung zum Guten möglich.

    Das kollektive Empörtheitsbewusstsein aufrecht zu halten ist ja gut und recht. Doch wenn daraus nicht mehr wird, ist es vergebens. Naja, schliesslich begnügen sich ja auch immer mehr Menschen mit einer „Weihnachtsstimmung“ anstatt Weihnachten zu feiern. Mal schauen, was uns die Zukunft bringt.

  3. Kommentar von Claudia
    Freitag, 30. Dezember 2011; 17:25

    In der Schweiz habt Ihr ja immerhin direkte Demokratie – da kann man eine Volksabstimmung zu nahezu allem anleihern und evtl. sogar gewinnen.

    Grade soll laut SPIEGEL eine Abstimmung über 20% Vermögenssteuer den „Geldadel in Panik versetzen“
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,806205,00.html

    Wer solche Mittel hat, ist vom Revolutionsbedarf weit entfernt – vermutlich auch nicht so sehr der Illusion verfallen, die Politik könnte alles per Gesetz und Verordnung richten.

    Die Frage nach dem „Konzept“ werd ich als Anregung für einen eigenen Beitrag nutzen. Ich glaube nämlich wirklich nicht, dass man die komplexe Wirklichkeit der globalisierten Welt heute mittels eines „Plans“ ändern kann. Bzw. immer nur punktuell – ohne sicheres Wissen, was ein Eingriff an anderer Stelle für „Kollateralschäden“ nach sich zieht.

  4. Kommentar von jovan haut
    Montag, 2. Januar 2012; 18:26

    Die „Trägheit unseres Gesässes“ ist kein beklagenswertes menschliches Charakterdefizit, sondern erfahrungsbasierte Ausprägung praktischer Intelligenz. Wer sein über Jahrzehnte eingespieltes Leben ohne Not ändert, ist nicht sozial aktiv oder fortschrittlich engagiert, sondern ein Trottel (der seine euphorisch-sinnstiftenden Partyrauschvorsätze spätestens am verkaterten Montagmorgen nachhaltig anders bewerten wird). Für uns im reichen Westen sind Revolutionen narrativ-artifizieller Zeitvertreib und professionell perpetuierte Fernsehunterhaltung. Ich persönlich ziehe mir derart gerne zwischen Kaffee und Schokokringel eine Portion Tahrir-Platz-Allotria und vor dem Dessert auch noch bestens passend dazu ein paar zünftige Syrientote rein, dass man es fast schon eine Hausmannssucht nennen könnte. Geradezu als Sahnehäubchen dazu fungieren dann überdies bahnbrechend betroffene Mitmenschen westlicher Breitengrade, ebenso fettgefressen wie ahnungslos wie ich selber, die mich kummervoll-hochmoralisch über die tiefere, von ihnen gepachtete Bedeutung dieser Phänomene und Entwicklungen auf dem laufenden zu halten wünschen. Von daher noch einmal: besten Dank – aber ich fürchte, zu Wulffs Telefonaffäre sind gerade brandneue Grässlichkeiten bekannt geworden: das Abend-Amusement ruft, ich muss schliessen