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Social-Networking-Blase platzt

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Freitag, 19. Oktober 2007

Nun ist es offiziell: das Platzen der Social-Networking-Blase ist in greifbarer Nähe. Das ist das Fazit der eben veröffentlichten Studie von Datamonitor. Endet das Web 2.0 schon, bevor es richtig begonnen hat? Spätestens 2012 soll es soweit sein, sagen die Marktbeobachter. Nach dem Platzen der ersten Internet-Blase (Dotcom-Hype) ereilt das Web 2.0 in Kürze das gleiche Schicksal. Blasen haben eben diese Angewohnheit, dass sie platzen. Das wissen auch die Finanzanalysten (zumindest die intelligenten unter ihnen) und geben Web 2.0 deshalb keine guten Noten. Für ein Internet-Projekt Investoren zu finden, wird in Zukunft daher noch schwieriger werden, mag das Projekt noch so gut sein und mit Web 2.0 gar nichts am Hut haben. Für Geldgeber, die nur selten wirklich über das nötige Verständnis für die Materie verfügen, ist es praktisch unmöglich, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Second Life verliert rasant an „Bewohnern“ und steht bereits kurz vor dem Aus. MySpace, Facebook, Klassenfreunde, XING, LinkedIn & Co. wird das gleiche Schicksal ereilen. Virtuelle Freunde in virtuellen Gemeinschaften und Netzwerken sind falsche Freunde, wenn sie im echten Leben keine Freunde sind oder man sie nicht einmal persönlich kennt. Natürlich fand ich es toll, auf Klassenfreunde alte Schulkameraden zu treffen und auf XING alte Freunde, Arbeitskollegen und Bekannte wiederzufinden. Aber mittlerweile ist meine Premium-Mitgliedschaft bei XING nach einem Jahr abgelaufen und ich habe sie nicht mehr erneuert. Zu statisch, überladen und unübersichtlich ist das Angebot und auch die Benutzerfreundlichkeit lässt immer noch stark zu wünschen übrig. Mit Diskussionsforen wollte man die Plattform „anreichern“ und so den Mitgliedern einen Mehrwert und weitere Möglichkeiten zur virtuellen Vernetzung bieten. Sorry, aber das hatten wir auch mit den Newsgroups im Usenet und den Echos im FidoNet vor vielen, vielen Jahren schon (Usenet seit 1979, FidoNet ab 1984).

„User Generated Content“ heisst der Treibstoff des Web 2.0 nach offizieller Leseart. Aber seien wir doch ehrlich: ein Geschäftsmodell, das nur auf Fronarbeit für eine Werbeplattform basiert, kann einfach nicht funktionieren. Menschen, die einen Computer bedienen können, sind nicht wirklich blöd genug, um sich längerfristig derart ausbeuten zu lassen. Am Anfang ist es lustig und interessant, all die neuen Features auzuprobieren. Da zeigt sich unser Spieltrieb, dem auch ich anfangs erlegen bin. Aber irgendwann ist genug gespielt und das echte Leben ruft. Den Social Networks fehlt allgemein ein nachhaltiges Geschäftsmodell, mit dem sich Geld verdienen lässt. Hinzu kommen Copyright-Probleme für Inhalte, die ohne Genehmigung des Urhebers ins Netz gestellt werden. Das maximiert die Risiken für Investoren.

Es gibt aber durchaus auch Möglichkeiten für kommerzielle Plattformen, auf denen sich Menschen treffen und austauschen. Ich persönlich habe so ein Projekt bereits in der Schublade. Aber unter den gegeben Umständen ist die Suche nach geeigneten Geldgebern ein Spiessrutenlauf, den ich mir zur Zeit lieber erspare.

Von Mitgliedern einer Interessengemeinschaft generierte Inhalte gab es auch schon lange vor dem Web-Zeitalter. Diese Art der sozialen Netzwerke war und ist aber in der Regel immer weitgehend frei von kommerziellen Interessen. Das wird sich auch im Web nicht ändern. Nur macht das Internet den Austausch von Inhalten um Dimensionen einfacher und schneller (und das gefällt mir so an diesem Medium). Wikipedia ist das Online-Parade-Beispiel dazu. Aber auch hier lässt sich das Gaffer-Syndrom beobachten: ganz wenige schreiben und die meisten schauen und lesen nur. Deshalb bin ich auch nicht böse, wenn niemand einen Kommentar zu diesem Beitrag schreibt. Ich kommentiere schliesslich auch nur vielleicht jeden 500. Artikel, den ich lese. Peter Hogenkamps Forderung im Beitrag „Netzwoche – Special Usability: User participation“ in der aktuellen Netzwoche (2007/37) nach einer „Kommentarkultur“ erachte ich daher als verfehlt. Ich will nicht kommentieren und beitragen müssen. Ich tue es, wenn ich Lust dazu habe. Ironischerweise kann man Hogenkamps Beitrag nicht einmal online kommentieren, was ich gerne getan hätte.

Die nächste Blase, die noch nicht einmal annähernd die Grösse des Web 2.0 erreicht hat, ist Mobil-TV. Zu teuer und zu wenig geeignete Inhalte sowie eine ganze Reihe regulatorischer Hürden – das sind die Killerfaktoren. Fata Morganas gibt es immer wieder und solange es genug Lemminge gibt, werden sie reihenweise um das goldene Kalb tanzen, bis es sich in Luft auflöst.



6 Kommentare

  1. Kommentar von Stefan Mey
    Freitag, 19. Oktober 2007; 21:40

    Oh je, oh je… um Sie ein wenig aufzubauen, schreibe ich Ihnen nun dieses Kommentar auf Ihre Seite – und schreibe meinerseits auf meinen Blog einen Eintrag, von dem aus ich auf Sie verweise.

    Alles Gute aus Wien!

  2. Kommentar von Levente J. Dobszay
    Freitag, 19. Oktober 2007; 22:02

    Das freut mich aber ungemein! Sind wir durch unsere Links jetzt Freunde? Ich fühle mich schon viel besser … :-))

  3. Kommentar von friedlf
    Dienstag, 23. Oktober 2007; 14:52

    Betrachten wir das BLASENPLATZEN :

    WEB 2.0/3.0 ist das Rokokko des Internets, danach folgt schon die Aufklärung. (freu)

    In der Aufklärung wirds dann verständlicher für das „Volk“ und allgemeingültiger und nicht nur für eine gewisse gesellschaftliche Schicht.

    Danach kommt der Kommerz mit der Wirtschaft.:

    Wenn mann erkennt was mit WEB2.0 möglich wär, später vielleicht dann schon SEWE 1.0( Semantic WEB) oder MEWE (Metadaten Web) dann wirds cool.

    Nun zum jetzigen Stand:
    ein paar werden bleiben – neue kommen , manche werden gehen und wieder kommen, aber eines steht fest…….. tot ist das Kind nach dem Blasensprung nicht, nur reifer!

    In dem Sinne

  4. Kommentar von Levente J. Dobszay
    Dienstag, 23. Oktober 2007; 15:38

    Damit Neues entstehen kann, muss das Alte weichen/sterben/platzen. Das neue Kind wird nicht mehr sehr viel gemeinsam mit dem alten haben. Wenn wir zum Beispiel ein Auto der Anfangsjahre (vor über 100 Jahren) mit einem Gefährt von heute vergleichen, beschränken sich die Gemeinsamkeiten auf Karosserie, Sitze, Räder, Motor, Lenkrad und Bremsen auf eher abstrakter Ebene. In diesem Sinne: der König ist tot – es lebe der König!

  5. Kommentar von Levente J. Dobszay
    Mittwoch, 5. Dezember 2007; 22:33

    Naja, der Nutzen von XING für’s Geschäft hält sich doch sehr in Grenzen. Zur Neuakquisition von Kontakten und Geschäften ist XING gemäss meinen eigenen Erfahrungen und der meiner Freunde, Kollegen und Bekannten nicht wirklich geeignet. Der Nutzen von XING liegt mehr in der „Pflege“ von bestehenden Kontakten bzw. in der Aktuellhaltung von Kontaktdaten. Die Zahl der Diskussionsforen explodiert schon fast, wobei ihre effektive Nutzung, d.h. die aktive Teilnahme abnimmt.

    Meine Sicht ist nicht nur die des IT-lers. Ich pflege Dinge jeweils aus einer ganzheitlichen Perspektive zu betrachten und zu beurteilen. Deshalb bin ich meiner Zeit erfahrungsgemäss jeweils 5 – 10 Jahre voraus, was nicht immer ein Vorteil ist, weil man nicht immer verstanden wird.

    Social Networking wird allgemein massiv überbewertet. Echte soziale Netzwerke entstehen nur durch persönliche Kontakte. Das Web kann hier lediglich eine nützliche Ergänzung aber niemals substituierend sein. Spannend ist die Zukunft trotzdem ganz bestimmt. Da gehe ich mit Ihnen einig.

    Gruss,
    LD

  6. Kommentar von Peter Fiksman
    Donnerstag, 6. Dezember 2007; 10:38

    „Deshalb bin ich meiner Zeit erfahrungsgemäss jeweils 5 – 10 Jahre voraus“

    Das glaube ich Ihnen gern und werde Ihren Blog deswegen im Auge behalten 🙂